Suche nach „natürliche Mittel bei Kinderwunsch“ oder „Fruchtbarkeit natürlich steigern“ und du wirst an Empfehlungen keinen Mangel haben.
Himbeerblätter. Brennnessel. Rooibos. Mönchspfeffer. Nahrungsergänzungsmittel, spezielle Ernährungsformen und Kräutertees. Und natürlich irgendetwas, das verspricht, deine „Hormone ins Gleichgewicht zu bringen“, die Gebärmutter „auf eine Schwangerschaft vorzubereiten“ oder deinem Fortpflanzungssystem quasi eine botanische Motivationsrede zu halten.
Aber welche natürlichen Mittel bei Kinderwunsch wurden tatsächlich untersucht?
Die Antwort ist interessanter und deutlich komplizierter als eine Liste der „10 besten Kräuter für die Fruchtbarkeit“.
Einige Pflanzen blicken auf Jahrhunderte traditioneller Anwendung zurück. Andere wurden im Labor, an Tieren oder in Humanstudien untersucht. Bestimmte Nährstoffe sind vor und während einer Schwangerschaft tatsächlich wichtig. Aber der Nachweis, dass ein Inhaltsstoff irgendeine biologische Aktivität besitzt, ist nicht automatisch ein Beleg dafür, dass seine Einnahme die Wahrscheinlichkeit erhöht, schwanger zu werden.
Gerade beim Thema Kinderwunsch ist dieser Unterschied besonders wichtig.
Statt also zu versprechen, dass der richtige Tee, das richtige Kraut oder Supplement auf magische Weise für zwei Striche auf dem Schwangerschaftstest sorgt, schauen wir uns einige der häufig empfohlenen natürlichen Mittel bei Kinderwunsch genauer an. Was wurde tatsächlich untersucht? Und wo gehen traditionelle Anwendung, interessante Forschung und belastbare Evidenz getrennte Wege?
Denn dein Fortpflanzungssystem ist ein kleines bisschen komplizierter als ein Teebeutel.
Was meinen wir eigentlich mit Fruchtbarkeit?
Fruchtbarkeit ist erheblich komplexer als die Frage, ob jemand den richtigen Tee trinkt oder morgens brav an ein Nahrungsergänzungsmittel denkt.
Damit eine Schwangerschaft entstehen kann, müssen zahlreiche biologische Prozesse zusammenspielen. Dazu gehören unter anderem Eisprung, Eizell- und Spermienqualität, Eileiter, Gebärmutter, Hormone, Alter, allgemeiner Gesundheitszustand und der richtige Zeitpunkt.
Auch das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit erklärt, dass für eine Befruchtung viele Dinge zeitlich zusammenpassen müssen und Eizelle und Spermium zum richtigen Zeitpunkt aufeinandertreffen müssen.
Ein unerfüllter Kinderwunsch kann zudem sehr unterschiedliche Ursachen haben. Bei Frauen können beispielsweise hormonelle Störungen, Veränderungen an den Geschlechtsorganen oder Endometriose eine Rolle spielen. Auch männliche Faktoren können die Fruchtbarkeit beeinflussen.
Genau diese Komplexität macht Aussagen wie „Fruchtbarkeit natürlich steigern“ problematisch. Sie lassen einen unglaublich komplexen biologischen Prozess so klingen, als gäbe es irgendwo einen praktischen Ein-Schalter.
Vorzugsweise im Teebeutel.
Gibt es leider nicht.
Welche natürlichen Mittel werden bei Kinderwunsch häufig empfohlen?
Verbring fünf Minuten im Internet und du kannst dir einen beeindruckenden Kinderwunsch-Kräuterschrank zusammenstellen.
Himbeerblätter, Brennnessel und Mönchspfeffer werden regelmäßig empfohlen. Dazu kommen Maca, Ashwagandha und zahlreiche weitere Pflanzen.
Dann wären da noch Vitamine, Mineralstoffe, Antioxidantien, Kräutertees, Ernährungsumstellungen und verschiedenste Lifestyle-Empfehlungen.
Das Problem ist nicht zwangsläufig, dass all diese Dinge Unsinn sind.
Das Problem ist, dass völlig unterschiedliche Arten von Evidenz häufig in einen Topf geworfen werden.
Eine Pflanze kann traditionell mit reproduktiver Gesundheit in Verbindung gebracht werden.
Ein Nährstoff kann für normale Körperfunktionen wichtig sein.
Ein Pflanzenstoff kann im Labor einen interessanten Effekt auf Zellen zeigen.
Ein Nahrungsergänzungsmittel kann in einer kleinen Humanstudie untersucht worden sein.
Das sind vier unterschiedliche Dinge.
Keines davon bedeutet automatisch:
„Wenn du das einnimmst, wirst du fruchtbarer.“
Forschung zu einem Inhaltsstoff ist nicht Forschung zu jedem Produkt damit
Das ist einer der wichtigsten Punkte, wenn es um natürliche Mittel bei Kinderwunsch geht.
Stell dir vor, Forschende untersuchen einen konzentrierten Pflanzenextrakt an Zellen im Labor und beobachten einen interessanten biologischen Effekt.
Dann wissen wir etwas über:
diese Zellen + diesen Extrakt + diese Konzentration + diese Versuchsbedingungen.
Damit ist nicht bewiesen, dass ein Tee aus derselben Pflanze im menschlichen Körper denselben Effekt hervorruft.
Auch Ergebnisse aus Tierstudien lassen sich nicht automatisch auf Menschen übertragen.
Und selbst eine Humanstudie mit einem Nahrungsergänzungsmittel oder standardisierten Extrakt sagt nicht zwangsläufig etwas darüber aus, was passiert, wenn dieselbe Pflanze einfach in heißem Wasser zieht.
Kurz gesagt:
Pflanze ≠ Extrakt ≠ Nahrungsergängzungsmittel≠ Tee.
Nicht die aufregendste Gleichung, die wir je geschrieben haben.
Aber vielleicht eine der nützlichsten.
Himbeerblätter und Kinderwunsch
Himbeerblätter (Rubus idaeus) gehören zu den Pflanzen, die online besonders häufig mit reproduktiver Gesundheit in Verbindung gebracht werden.
Du findest Aussagen über Menstruation, Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Gebärmutter und Geburt.
Aber was sagt die Evidenz?
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat Himbeerblätter als pflanzliches Arzneimittel bewertet. Bestimmte Zubereitungen werden aufgrund ihrer langjährigen traditionellen Anwendung unter anderem bei leichten menstruationsbedingten Krämpfen beschrieben.
Die Steigerung der Fruchtbarkeit gehört nicht zu diesen traditionellen Anwendungsgebieten.
Außerdem ist entscheidend, dass die entsprechende europäische Bewertung auf langjähriger traditioneller Anwendung beruht und nicht auf ausreichenden klinischen Wirksamkeitsstudien.
Das beweist nicht, dass Himbeerblätter keinerlei weitere biologische Wirkungen besitzen.
Es bedeutet aber, dass die Behauptung, Himbeerblätter würden die Fruchtbarkeit nachweislich steigern, deutlich über die vorhandene Evidenz hinausgeht.
Unser Fazit: Himbeerblätter haben eine lange Tradition in der Pflanzenheilkunde. Die aktuelle Evidenz belegt jedoch nicht, dass Himbeerblättertee die Wahrscheinlichkeit erhöht, schwanger zu werden.
Brennnessel und Fruchtbarkeit
Brennnessel (Urtica dioica) ist ein weiterer Kandidat, der regelmäßig auf Listen mit „Kräutern bei Kinderwunsch“ auftaucht.
Häufig wird dabei auf ihre enthaltenen Nährstoffe verwiesen. Und erstaunlich schnell folgen daraus Behauptungen über die Fruchtbarkeit.
Dazwischen steckt allerdings ein ziemlich großer gedanklicher Sprung.
Nur weil eine Pflanze bestimmte Vitamine, Mineralstoffe oder andere Pflanzenstoffe enthält, bedeutet das nicht automatisch, dass ihr Verzehr die Fruchtbarkeit verbessert.
Um einen solchen Effekt zu belegen, bräuchten wir geeignete Humanstudien, die tatsächlich relevante Ergebnisse wie Schwangerschaftsraten untersuchen.
Brennnessel wurde für verschiedene medizinische Anwendungsbereiche untersucht und blickt auf eine lange traditionelle Nutzung zurück. Belastbare klinische Evidenz dafür, dass Brennnesseltee die weibliche Fruchtbarkeit steigert, fehlt jedoch.
Unser Fazit: Brennnessel ist eine interessante Pflanze und kann als Aufguss getrunken werden. Das ist etwas anderes als die Behauptung, sie steigere nachweislich die Fruchtbarkeit.
Rooibos und Fruchtbarkeit
Rooibos (Aspalathus linearis) taucht ebenfalls immer wieder in Gesprächen über Kinderwunschtee auf.
Ein ziemlich unkomplizierter Vorteil von Rooibos ist:
Er ist von Natur aus koffeinfrei.
Rooibos und einzelne darin enthaltene Pflanzenstoffe wurden außerdem hinsichtlich antioxidativer und anderer biologischer Eigenschaften untersucht.
Und hier wird das Wellness-Internet gern etwas übermütig.
Die Argumentationskette sieht ungefähr so aus:
Antioxidantien → reproduktive Gesundheit → Fruchtbarkeit → höhere Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft.
Zwischen diesen Pfeilen befinden sich einige ziemlich große wissenschaftliche Lücken.
Der Nachweis antioxidativer Aktivität bedeutet nicht automatisch, dass Eisprung, Befruchtung, Schwangerschaftsrate oder Lebendgeburtenrate verbessert werden.
Unser Fazit: Rooibos kann ein angenehm koffeinfreies Getränk sein, auch für Menschen, die bei Kinderwunsch ihren Koffeinkonsum reduzieren möchten. Das ist aber kein Beleg dafür, dass Rooibos selbst die Fruchtbarkeit steigert.
Manchmal darf Tee einfach leckerer Tee sein.
Mönchspfeffer und Kinderwunsch
Mönchspfeffer, botanisch Vitex agnus-castus, ist etwas komplizierter.
Im Gegensatz zu vielen Pflanzen, die eher beiläufig mit Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht werden, gibt es zu Mönchspfeffer tatsächlich klinische Forschung im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, insbesondere zum prämenstruellen Syndrom (PMS). Bestimmte Mönchspfefferpräparate wurden außerdem in Europa als pflanzliche Arzneimittel bewertet.
Aber Forschung zu PMS ist nicht automatisch Forschung zur Fruchtbarkeit.
Es wurden auch pflanzliche oder ernährungsbezogene Kombinationspräparate mit Mönchspfeffer bei Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch untersucht. Bei Kombinationsprodukten entsteht allerdings ein offensichtliches Problem: Wenn mehrere Inhaltsstoffe gleichzeitig eingenommen werden, lässt sich schwer feststellen, welchen Anteil eine einzelne Zutat an einem möglichen Ergebnis hatte.
Und auch ein Einfluss auf hormonelle oder menstruationsbezogene Parameter bedeutet nicht automatisch, dass eine Pflanze die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöht.
Unser Fazit: Mönchspfeffer ist pharmakologisch interessant und wurde im Zusammenhang mit Menstruations- und reproduktiver Gesundheit untersucht. Das reicht jedoch nicht aus, um Mönchspfeffer generell als nachgewiesenes Mittel zur Steigerung der Fruchtbarkeit zu bezeichnen.
Wenn du schwanger werden möchtest, Medikamente einnimmst oder dich in Kinderwunschbehandlung befindest, solltest du die Einnahme von Mönchspfefferpräparaten mit einer medizinischen Fachperson oder in der Apotheke besprechen.
Maca und Fruchtbarkeit
Maca (Lepidium meyenii) ist ein weiterer Star des Kinderwunsch-Internets.
Die traditionell in den Anden angebaute Pflanze wird inzwischen für alles Mögliche vermarktet, von Energie und Libido bis zu Hormonen und Fruchtbarkeit.
Maca wurde unter anderem hinsichtlich Sexualfunktion und verschiedener reproduktiver Parameter untersucht, insbesondere bei Männern. Einige Forschungsergebnisse sind interessant, die Studienlage weist jedoch erhebliche Einschränkungen auf.
Und hier lohnt sich eine weitere Unterscheidung:
Libido und Fruchtbarkeit sind nicht dasselbe.
Dass etwas hinsichtlich des sexuellen Verlangens untersucht wurde, bedeutet nicht automatisch, dass es die biologische Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis erhöht.
Ebenso ist eine Veränderung eines Laborwerts, beispielsweise der Spermienkonzentration, nicht automatisch dasselbe wie der Nachweis einer höheren Schwangerschafts- oder Lebendgeburtenrate.
Unser Fazit: Maca wurde im Zusammenhang mit reproduktiver Gesundheit untersucht. Die Evidenz reicht aber nicht aus, um die Pflanze als nachgewiesenes natürliches Mittel gegen Fruchtbarkeitsstörungen zu bezeichnen.
Ashwagandha und Fruchtbarkeit
Ashwagandha (Withania somnifera) hat in der Wellness-Welt inzwischen beinahe Promi-Status.
Stress? Ashwagandha.
Schlaf? Ashwagandha.
Hormone? Offenbar ebenfalls Ashwagandha.
Fruchtbarkeit? Du kannst dir vermutlich denken, was das Internet als Nächstes empfiehlt.
Es gibt echte Forschung zu Ashwagandha, unter anderem zu Stress und Schlaf. Auch verschiedene reproduktive Parameter, insbesondere bei Männern, wurden untersucht.
Aber Evidenz aus einem Bereich darf nicht heimlich zur Evidenz für einen anderen werden.
Wenn ein bestimmtes Ashwagandha-Präparat Stresswerte beeinflusst, beweist das nicht, dass es die Fruchtbarkeit erhöht. Ebenso sind Veränderungen bestimmter reproduktiver Biomarker kein automatischer Nachweis einer höheren Schwangerschafts- oder Lebendgeburtenrate.
Noch wichtiger ist hier die Sicherheit.
Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist auf mögliche gesundheitliche Risiken von Ashwagandha-Präparaten hin. Aufgrund fehlender Sicherheitsdaten wird insbesondere Schwangeren und Stillenden von der Einnahme abgeraten. Das BfR weist außerdem auf mögliche Wechselwirkungen mit bestimmten Medikamenten hin.
Unser Fazit: Ashwagandha ist wissenschaftlich interessant. Forschung zu Stress, Hormonen oder reproduktiven Biomarkern sollte aber nicht als Beweis dafür vermarktet werden, dass Ashwagandha die Fruchtbarkeit steigert.
Was ist mit Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln?
Hier wird die Unterscheidung besonders wichtig, denn nicht alles, was Menschen bei Kinderwunsch einnehmen, gehört in denselben Evidenz-Topf.
Folsäure ist ein gutes Beispiel.
Frauen mit Kinderwunsch wird empfohlen, bereits vor der Empfängnis mit der Einnahme von Folsäure zu beginnen. Deutsche Gesundheitsinformationen weisen ausdrücklich darauf hin, dass Folsäure schon vor einer Schwangerschaft wichtig ist.
Folsäure spielt eine wichtige Rolle bei Zellteilungs- und Wachstumsprozessen und hilft, das Risiko bestimmter Fehlbildungen des zentralen Nervensystems des Embryos zu reduzieren.
Das ist eine etablierte Empfehlung rund um Schwangerschaft und Kinderwunsch.
Aber achte darauf, was diese Empfehlung tatsächlich bedeutet.
Folsäure vor der Schwangerschaft ist wichtig für die gesunde Entwicklung einer möglichen Schwangerschaft.
Das ist nicht dieselbe Behauptung wie:
„Folsäure macht dich fruchtbarer.“
Der Unterschied klingt vielleicht klein. Aber genau auf diese Weise werden gesundheitliche Aussagen im Internet schnell größer, als die Evidenz erlaubt.
Dass ein Nährstoff für Schwangerschaft oder normale Körperfunktionen wichtig ist, bedeutet nicht automatisch, dass eine höhere Zufuhr die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis steigert.
Traditionelle Anwendung verdient Kontext, keine Augenrollerei
Nichts davon bedeutet, dass traditionelle Pflanzenheilkunde Unsinn ist.
Pflanzen werden seit Jahrtausenden in unterschiedlichen Kulturen medizinisch genutzt. Traditionelle Anwendung kann uns durchaus interessante Informationen darüber liefern, wie Pflanzen historisch zubereitet und verwendet wurden.
Sie kann außerdem Forschungsfragen hervorbringen, die es wert sind, wissenschaftlich untersucht zu werden.
Aber:
Traditionelle Anwendung und klinische Evidenz sind nicht dasselbe.
Das europäische System zur Bewertung pflanzlicher Arzneimittel macht diese Unterscheidung besonders deutlich. Bei pflanzlichen Arzneimitteln kann zwischen traditioneller medizinischer Anwendung und Anwendungsgebieten mit einer entsprechend anderen Evidenzbasis unterschieden werden.
Also:
„Traditionell angewendet bei X“
bedeutet nicht:
„Klinisch nachgewiesen wirksam bei X.“
Und keines von beiden bedeutet automatisch:
„Steigert deshalb die Fruchtbarkeit.“
Wir können traditionelles Wissen respektieren, ohne ihm einen Laborkittel anzuziehen, den es sich noch nicht verdient hat.
Fehlende Evidenz bedeutet nicht „nachweislich wirkungslos“
Es gibt noch eine andere Seite dieser Diskussion.
In der Frauengesundheit bestehen historisch erhebliche Forschungslücken. Auch traditionelle pflanzliche Anwendungen wurden häufig nicht in dem Umfang untersucht, wie es bei pharmazeutischen Behandlungen der Fall ist.
Deshalb bedeutet:
„Es gibt keine guten Belege dafür, dass dies die Fruchtbarkeit verbessert“
nicht zwangsläufig:
„Es wurde bewiesen, dass es nicht funktioniert.“
Manchmal gibt es schlicht nicht genügend hochwertige Forschung, um die Frage zuverlässig zu beantworten.
Aber genauso wichtig ist die andere Richtung:
Fehlende Evidenz ist keine Erlaubnis, eine Wirkung zu behaupten.
Wenn du während deiner Kinderwunschzeit einen bestimmten Kräutertee trinkst und das Ritual als angenehm, beruhigend oder einfach schön empfindest, wird diese Erfahrung nicht dadurch ungültig, dass es keinen klinischen Wirksamkeitsnachweis gibt.
Es beweist nur nicht, dass der Tee deine biologische Wahrscheinlichkeit erhöht hat, schwanger zu werden.
Persönliche Erfahrung kann wertvoll sein, ohne deshalb klinische Evidenz zu werden.
Warum Aussagen über Fruchtbarkeit besondere Vorsicht verdienen
Übertriebene Wellness-Versprechen sind beim Thema Kinderwunsch besonders problematisch.
Für manche Menschen klappt es schnell mit einer Schwangerschaft. Für andere kann der Kinderwunsch zu einer langwierigen und belastenden Erfahrung werden. Ein unerfüllter Kinderwunsch kann unterschiedliche Ursachen haben und betrifft nicht ausschließlich den weiblichen Körper.
Vor diesem Hintergrund sind Versprechen, ein bestimmtes Kraut könne die „Fruchtbarkeit steigern“, „die Gebärmutter vorbereiten“ oder „die Chance auf eine Schwangerschaft erhöhen“, nicht einfach harmloser Optimismus, wenn die entsprechenden Belege fehlen.
Solche Aussagen können falsche Hoffnungen wecken.
Und sie können unterschwellig vermitteln, dass eine ausbleibende Schwangerschaft vielleicht daran liegt, dass du nicht richtig gegessen, supplementiert, entspannt, entgiftet oder deinen Tee nicht korrekt aufgebrüht hast.
Nein.
Fruchtbarkeit ist kompliziert.
Eine Tasse Tee entscheidet nicht darüber, ob jemand sich genug Mühe gegeben hat.
Sind natürliche Mittel bei Kinderwunsch immer sicher?
Nein.
Natürlich bedeutet nicht automatisch sicher, gerade rund um Kinderwunsch und Schwangerschaft.
Pflanzen haben unterschiedliche Sicherheitsprofile. Die Dosierung spielt eine Rolle. Ebenso Medikamente, Vorerkrankungen, Kinderwunschbehandlungen und die Möglichkeit, dass bereits eine frühe Schwangerschaft besteht, ohne dass du davon weißt.
Manche Pflanzen können Wechselwirkungen mit Arzneimitteln haben. Andere sind während der Schwangerschaft nicht ausreichend untersucht. Konzentrierte Nahrungsergänzungsmittel können außerdem erheblich größere Mengen bestimmter Pflanzenstoffe liefern als Lebensmittel oder ein gewöhnlicher Kräuteraufguss.
Ashwagandha ist dafür ein gutes Beispiel: Das BfR rät aufgrund möglicher gesundheitlicher Risiken und fehlender Sicherheitsdaten insbesondere Schwangeren und Stillenden von entsprechenden Nahrungsergänzungsmitteln ab.
Fünfzehn verschiedene „Kinderwunschkräuter“ in ein Nahrungsergänzungsmittel zu packen, macht es also nicht automatisch fünfzehnmal besser.
Wenn du aktiv versuchst, schwanger zu werden, insbesondere wenn du Medikamente einnimmst oder dich in Kinderwunschbehandlung befindest, solltest du regelmäßig verwendete pflanzliche Präparate und Nahrungsergänzungsmittel mit deiner Ärztin, deinem Arzt, deinem Kinderwunschzentrum oder in der Apotheke besprechen.
Funktionieren natürliche Mittel zur Steigerung der Fruchtbarkeit also?
Das ist die große Frage.
Und die Antwort hängt komplett davon ab, was wir unter „natürlichem Mittel“ und „funktionieren“ verstehen.
Eine ausgewogene Ernährung, Nichtrauchen, angemessene körperliche Aktivität und das Beheben relevanter Nährstoffmängel können zur allgemeinen und reproduktiven Gesundheit beitragen. Alter, Lebensstil, Erkrankungen, Medikamente und weitere Faktoren können die Fruchtbarkeit beeinflussen.
Bestimmte Empfehlungen vor einer Schwangerschaft, darunter die Einnahme von Folsäure, sind gut begründet.
Wenn wir aber speziell über Kräuter und Kräutertees sprechen, die angeblich die weibliche Fruchtbarkeit erhöhen, wird die Evidenz wesentlich dünner.
Es gibt derzeit nicht den einen pflanzlichen Tee oder das eine Kraut, das sich einfach als die natürliche Methode empfehlen lässt, um die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft zu erhöhen.
Das bedeutet nicht, dass Pflanzen keine weitere Forschung verdienen.
Es bedeutet, dass das Thema Fruchtbarkeit etwas Besseres verdient, als vorläufige Forschung in Gewissheit umzuschreiben.
Tee darf während der Kinderwunschzeit trotzdem einen Platz haben
Wir müssen deshalb noch lange nicht deine Teekanne konfiszieren.
Kinderwunsch kann bedeuten: Kalender, Apps, Ovulationstests, Termine, Warten, Googeln und eine beeindruckende Menge an Gedanken über Körperflüssigkeiten, über die du früher problemlos hinwegsehen konntest.
Eine Tasse Tee darf einfach eine Tasse Tee sein.
Ein Moment zum Hinsetzen.
Etwas, das du gerne trinkst.
Ein kleines Ritual, das nichts optimieren muss.
Wenn du während deiner Kinderwunschzeit Kräutertees auswählst, solltest du allerdings die einzelnen Zutaten prüfen, statt davon auszugehen, dass jede als „natürlich“ vermarktete Mischung automatisch vor und während einer Schwangerschaft geeignet ist.
Nicht ganz so aufregend wie:
Uralter Kinderwunschtee aktiviert deine Gebärmutter.
Dafür erheblich nützlicher.
Wann solltest du dir bei unerfülltem Kinderwunsch Hilfe holen?
Wann eine medizinische Abklärung sinnvoll ist, hängt unter anderem von Alter, Krankengeschichte, Zyklus und individuellen Umständen ab.
Wenn sich trotz Kinderwunsch über längere Zeit keine Schwangerschaft einstellt, ist in Deutschland die gynäkologische Praxis oder ein Kinderwunschzentrum eine mögliche erste Anlaufstelle. Eine Diagnostik kann helfen, mögliche Ursachen zu erkennen.
Je nach Alter, bekannten Erkrankungen, unregelmäßigen oder ausbleibenden Perioden, vorherigen Behandlungen oder anderen Umständen kann eine frühere Abklärung sinnvoll sein.
Und noch einmal:
Fruchtbarkeit ist kein rein weibliches Thema.
Fruchtbarkeitsstörungen können sowohl den weiblichen als auch den männlichen Körper betreffen.
Vielleicht können wir uns also kollektiv von der Vorstellung verabschieden, dass die Person mit Gebärmutter einfach nur die richtigen Kräuter trinken muss.
Quellen & weiterführende Informationen
gesund.bund.de: Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch
Aktuelle deutschsprachige Informationen zu möglichen Ursachen und Anlaufstellen bei ausbleibender Schwangerschaft.
Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch
familienplanung.de: Fruchtbarkeitsstörungen bei der Frau
Informationen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit zu hormonellen Ursachen, Veränderungen der Fortpflanzungsorgane, Endometriose und weiteren möglichen Faktoren.
Fruchtbarkeitsstörungen bei der Frau
familienplanung.de: Alter, Lebensstil und Umwelt
Deutschsprachige Informationen dazu, welche Faktoren mit der Fruchtbarkeit von Frauen und Männern zusammenhängen und welche davon beeinflussbar sind.
Faktoren, die die Fruchtbarkeit beeinflussen
gesund.bund.de: Wissenswertes bei Kinderwunsch
Informationen zur Vorbereitung auf eine Schwangerschaft, darunter die Empfehlung, bereits vor der Empfängnis mit Folsäure zu beginnen.
Wissenswertes bei Kinderwunsch
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Ashwagandha
Das BfR weist auf mögliche gesundheitliche Risiken hin und rät aufgrund fehlender Sicherheitsdaten insbesondere Schwangeren und Stillenden von Ashwagandha-Präparaten ab.
BfR: Ashwagandha und mögliche Gesundheitsrisiken
European Medicines Agency (EMA): Rubi idaei folium
Europäische Bewertung von Himbeerblättern und bestimmten traditionellen medizinischen Anwendungen.
EMA: Raspberry leaf (Rubi idaei folium)
European Medicines Agency (EMA): Agni casti fructus
Europäische Informationen und Bewertungsunterlagen zu Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) und entsprechenden pflanzlichen Arzneimitteln.
EMA: Agni casti fructus
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information. Er ist nicht zur Diagnose oder Behandlung von Fruchtbarkeitsstörungen gedacht und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Pflanzliche Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel sind nicht für alle Menschen geeignet und können mit Medikamenten oder Kinderwunschbehandlungen wechselwirken. Wenn du schwanger werden möchtest, bereits schwanger bist oder dich in Kinderwunschbehandlung befindest, besprich pflanzliche Präparate und Nahrungsergänzungsmittel mit einer entsprechend qualifizierten medizinischen Fachperson.